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09.01.2009
Wenn Fremde Freunde werden - Expertin Doortje Kal stellte holländisches Konzept „Kwartiermaken“ vor

Hier finden Sie eine Zusammenfassung der von der Beratungsstelle für Inklusionsprojekte durchgeführten Veranstaltung Kwartiermaken vom 24.10.2008

Das lateinische Wort hostis bedeutet Gast. Oder auch Feind: „Damit lässt sich die Problematik der Gastfreundschaft aufzeigen“, sagte Doortje Kal. Die Niederländerin, früher Präventionsmitarbeiterin in der soziale Psychiatrie, beschäftigt sich seit Jahren mit Fremden, die Freunde werden sollen, und mit dem gesellschaftlichen Rahmen, in dem das geschehen kann. „Kwartiermaken“ heißt das maßgeblich von ihr entwickelte Konzept, das auch in Deutschland aufmerksam beobachtet wird. Auf Einladung des PARITÄTISCHEN stellte die Fachfrau, die heute den Nationalen Stützpunkt Kwartiermaken in den Niederlanden leitet, das Modell in Kiel vor. Im kleinen Kreis ging es um die Frage, ob und wie ähnliche Projekte in Schleswig-Holstein Erfolg haben können.

Entstanden ist Kwartiermaken aus der Arbeit mit Psychiatrie-Erfahrenen. Der Ansatz entspricht dem Inklusionsgedanken: Jeder Mensch, egal ob mit oder ohne Krankheit oder Behinderung, hat das Recht auf ein Leben in der Gesellschaft, auf Teilhabe in allen Bereichen. Dazu muss die Gesellschaft sich öffnen und bereit sein, „Nicht-Standardmenschen“, wie Kal sagte, aufzunehmen. Das Klima dafür will Kwartiermaken schaffen: „Man kann sagen, Kwartiermaken ist Arbeiten an Gastfreundschaft.“

Und die ist nicht so einfach: Die Gesellschaft muss ihre Türen öffnen, ohne genau zu wissen, wer davor steht – ein Gast? Ein Feind? Auf jeden Fall ein Fremder, ein Anderer: „Er kennt vielleicht die Kodes nicht, beherrscht die Umgangsformen nicht, ist unbeholfen. Muss er erst die Sprache lernen, bevor wir ihn willkommen heißen? Aber: Ist er dann noch fremd? Ist dann noch die Rede von Gastfreundschaft?“, fragte Kal und erklärte: „Gastfreundschaft ist Willkommenheißen, ohne Fragen zu stellen.“

Wichtig sei, Unterschiede nicht zu leugnen, sagte Kal, die2001 über Kwartiermaken ihre Doktorarbeit schrieb: „Das Streben nach einer Normalisierung des Anderen ruft Spannungen hervor.“ Sie gab aber zu, dass es sich um ein Dilemma handelt: „Das Negieren von Unterschieden wird dem Klienten nicht gerecht. Das Benennen von Unterschiede kann Ausgrenzung bewirken.“

Sie schlug daher vor, als Zwischenschritt durchaus „Kategorien“ zu benennen, in die sich Menschen einordnen können. Doch die Kategorisierung müsse Aussicht auf Integration – Inklusion – bieten. Am Ende sollte stehen, dass „Raum geschaffen wurde, in dem der Andere sich als Anderer zeigen kann“.
Der Lohn für die Mehrheitsgesellschaft besteht darin, den Leistungsdruck zu mildern und aus dem Nützlichkeitsstreben auszubrechen. Das Ideal ist eine Gesellschaft, in der „die Verbindung mit Anderen“ als etwas gesehen wird,  „was im eigenen Leben zu existentieller Qualität beiträgt“, schloss Kal.
Zu den praktischen Elementen des Kwartiermakens gehört die „Sachbearbeiterin für Gastfreundschaft“, deren Stelle die bei den bisher gestarteten Projekten von der Kommune geschaffen wurde. Die Fachkraft vermittelt erste Kontakte zwischen dem „Anderen“ und Personen oder Gruppen in der Gemeinde oder dem Stadtteil. Dort müssen sich Gastgeberinnen und Gastgeber finden: Die ehrenamtlichen „Buddys“, die dem „Anderen“ zur Seite stehen, sind das zweite feste Element beim Kwartiermaken. Ein Buddy und ein Anderer bilden ein festes Gespann. Dabei ist wichtig, dass beide sich auf Augenhöhe begegnen: „Manche Menschen mit psychiatrischer Vergangenheit sind jedweder Form von Sorge oder sozialer Einrichtung feindlich gesonnen“, so Kal. „Sie befürchten, dass sie ihre Unabhängigkeit und ihren Selbstwert verlieren, wenn sie Sorge in Anspruch nehmen.“

Holger Wittig-Koppe, Fachreferent des PARITÄTISCHEN, sieht in dem Konzept große Chancen: „Wenn wir eine inklusive Gesellschaft wollen, müssen wir Wege finden, um Menschen, die anders sind, auch tatsächlich aufzunehmen.“ Die Erfahrungen aus den Niederlanden zeigten, dass das Modell funktioniere und sich bürgerschaftliches Engagement entwickele, wenn es gefordert sei: „Wenn es einen Rahmen gibt, finden sich Menschen – einzelne Personen, Vereine oder auch Firmen – die bereit sind, ihn auszufüllen.“

 

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Doortje Kal Doortje Kal und TeilnehmerInnen der Veranstaltung